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DAS SCHWEIGENDE MÄDCHEN von Elfriede Jelinek am Schauspiel Dortmund

 

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Stationen einer Ausstellung: das zusammengepresste Wrack eines Polizeiwagens, eine große Mülltonne mit Bergen von geschreddertem Papier, eine schwarze Mauer, auf der in riesigen weißen Lettern das Wort "Angst" steht, darüber geschrieben in ebenso großen, roten Lettern das Wort "Wut", ein einzelner schwarzer Leichensack, eine gigantische, mit leeren Putzmittel-Flaschen gefüllte Plastiktasche und ein Müllcontainer mit zerstörten Einrichtungsgegenständen. Die Morde sind geschehen, die Staatsorgane haben versagt, die Opfer und ihre Familien wurden wieder und wieder gedemütigt, die Beweise sind vernichtet, das Blut ist verschwunden, aber die Klagen und Anklagen bleiben. All das steckt in diesen Exponaten eines ungeheuren und ungeheuerlichen Justiz- und Politskandals. Der Zuschauer wird zum Wanderer zwischen den Teilen, deren Summe er eher intuitiv erahnt. Elfriede Jelineks Texte erfüllen unterdessen als mehrstimmiges Rauschen den Raum. Während man von einer Station zur anderen, von einem Engel zum anderen geht, überlagern sich die Texte. Jelinek erklärt das Trio Böhnhardt, Mundlos und Zschäpe wiederholt zu einer neuen heiligen Familie: Schaurige Erlöser eines Volkes, das schon immer einen Hang zu Mord und Größenwahn hatte. Auch dafür findet Michael Simon ein Theaterbild, das einen schaudern lässt. Vor einer Reproduktion der "Kreuzigung Christi", dem zentralen Werk des Isenheimer Altars, stellt das Ensemble eben dieses Gemälde nach. Eine gespenstische Verdopplung. In beidem offenbart sich Deutschland, in Matthias Grünewalds Meisterwerk genauso wie in den Taten einer nationalsozialistischen Terrorzelle... Sasha Westphal. Auszug aus Nachtkritik

Das durchsemiotisierte Mädchen: Michael Simons setzt als Regisseur und Bühnenbildner in der Megastore-Halle, der Ausweichspielstätte des Dortmunder Schauspiels, auf die Wirkung des Raumes und der Bilder. Er hat mit dem Dramaturgen Michael Eickhoff den endlos fließenden 300-Buchseiten-Text Jelineks gekürzt und gegliedert. Nach der Engelklage des Anfangs kommt der Prozess. Der Richter eröffnet die Verhandlung. Und hier hat die Schnellschreiberin Jelinek prompt auf Zschäpes Aussage im Münchner Prozess reagiert und einen neuen Textabschnitt für die Dortmunder Aufführung beigesteuert: «Wir hören zu, aber wir hören nichts, nur das Schweigen, das auf Papier laut wird, zu Lauten. Und dieses Sprechen ist ein Verbergen.» Wieder werden die Texte mit einer wild assoziierten Plethora von Bildern kontrastiert: Ein Radfahrer mit doppelgesichtigem Schwellkopf rauscht vorbei, Paulchen Panther erscheint, ein Gartenzwerg humpelt herein, der Richter wird mit Babywindelinhalt gefüttert... Auszug aus Theater heute

 

 

SALOME von Einar Schleef nach Oscar Wilde am Schauspielhaus Graz

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Michael Simon holt Schleefs Deutung von "Salome" in Graz ins geopolitische Jetzt und macht aus dem Text ein Stück über Extremismus im Allgemeinen und historische religiöse Fanatiker sowie die Terrorgruppe IS im Speziellen. Wer in der Pause im Saal bleibt, kann den Schauspielern Thomas Frank, Jan Gerrit Brüggemann und Rudi Widerhofer zuhören: Sie diskutieren über Kreuzritter, Jihadisten und andere blutrünstige Religionsinterpreten."Liebe mich!", schreit Salome. "Töte mich!", entgegnet Johannes der Täufer. Salome ist zuerst ein vom Stiefvater angewidertes, misshandeltes, rasterlockiges Kind. Später führt Evi Kehrstephan sie mit viel Feingefühl hinüber in die verletzte, aber selbstbewusste Frau, die den Kopf des Propheten fordert. Kaspar Locher spielt diesen mit Intensität und Ernsthaftigkeit - teilweise via Videoliveschaltung aus seinem Kerker. Er widersteht der Versuchung, den Mann nur unsympathisch oder lächerlich darzustellen. Er bleibt interessant. Am Ende erwartet er den Tod im orangen Overall eines Guantánamo-Häftlings. Herrlich ist auch das sich hassende Paar Antipas: Ihn spielt Stefan Suske wie ein monströses Riesenbaby mit güldenen Pantoffeln im Rollstuhl; Gattin Herodias wird von der energiegeladenen Steffi Krautz verkörpert. Am Ende bleibt der Geruch blutiger Böden, auf denen jeder Gehversuch eines Friedens rutschend scheitern muss. (Colette M. Schmidt, DER STANDARD, 25.4.2015)

 

 

 

DIE SCHUTZBEFOHLENEN von Elfriede Jelinek am Freiburger Theater

 

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"In dem Buchstabencontainer, den Michael Simon ins Kleine Haus gestellt hat, lenkt fast nichts ab von dem bösen, bitteren, in seinen Sprachspielereien bis zum berüchtigten Kalauer immer wieder ungemein erhellenden hochvirtuosen Wortschwall...  Der fabelhaften Johanna Eiworth bei diesem irrwitzigen sprachlichen Kamikazeritt zwischen demokratischen Standards und tief im Innern – bei uns allen? – gärendem Rassismus zuzuhören und zuzusehen, ist ein großer Genuss. Die Gefahr, dabei nicht auf eigene Kosten zu lachen, ist durchaus vorhanden, aber zugleich blitzt in all diesen kleinen metaphorischen Verschiebungen – vom Bewussten ins Unbewusste – immer wieder die schlagende Erkenntnis über das ideologische Potenzial von Sprechweisen auf... und ein starkes Schlussbild, das unter die Haut geht. Nach und nach montieren die Schauspieler mit dem Akkuschrauber, dem deutschesten aller Heimwerkergeräte, die Boden- und die Seitenplatten ab und tragen sie in der Mitte des Raums akkurat zu einem Stapel zusammen: Auf den Rückseiten sind die Namen von bei der Flucht Umgekommenen zu lesen." Badische Zeitung 1.12.2014

 

 

RECHNITZ von Elfriede Jelinek Schauspielhaus Graz

 

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"Simon ist es gelungen, 150 Seiten auf zwei Stunden zu komprimieren, ohne am Sinn zu sparen, die Aufführung überzeugt darstellerisch, musikalisch und durch starke Bilder. Diese Inszenierung hat großes Format. Nur unmittelbar nach der Pause leidet sie ein wenig an Überladung. Das wird aber spätestens bei einem messerscharfen Dialog vergessen, in dem das Massaker von Rechnitz mit der Geschichte des Kannibalen von Rothenburg verbunden wird. Roher und drastischer kann man die Lust am Mord nicht ausdrücken. Steffi Krautz, im weißen Rüschenkleid, geil auf das Opfer, und Stefan Suske, ebenso begierig aufs Schlachten, gestalten diese Passage. Oben an der Decke des Schauspielhauses sind Tanzszenen zu sehen, die daran erinnern, dass sich „Der Würgeengel“ auf den Film von Luis Buñuel bezieht. Hoch oben in den Lüften schaufeln sie ein Grab. Es gibt nämlich kein Entrinnen bei diesem Text, selbst wenn der Gräfin und ihren Nazi-Gesellen die Flucht in die Schweiz gelingt. Reue? Nein, sagt Jelinek: „Das Geld möchte ficken.“ Das Böse bleibt im Sattel"...aus "Die Presse", Wien und "Der Standard", Wien

 

WINTERREISE von Elfirede Jelinek Staatstheater Karlsruhe

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"Am Badischen Staatstheater Karlsruhe hat Michael Simon die «Winterreise» mehr choreografiert als inszeniert – das erste Wort fällt hier erst nach der Pause. Jelinek-Puristen mögen bemängeln, dass Michael Simon und sein Dramaturg Tilmann Neuffer aus diesem wohl ‹persönlichsten› Text der Autorin fast alles Persönliche und Tagesaktuelle gestrichen haben. Für alle anderen gibt es in dieser fünften Karlsruher Jelinek-Inszenierung unter dem scheidenden Schauspiel-Chef Knut Weber gerade durch diese Striche eine zeitlos assoziationsanregende Reise von der rätselhaften Eigensinnigkeit der Kunst über die bedrohte Eigensinnigkeit der Einzelnen bis zum Verschwinden jeden Eigensinns. Eine Reise in die wahre Kälte."...mehr: Badische Zeitung

 

PRINZESSINNENDRAMEN von Elfriede Jelinek Staatstheater Karlsruhe 

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"Hier werden die Mädchen vom Tod geholt, stets am Ende eines vergeblichen Anrennens gegen die Definition weiblicher Rollen durch männliche Augen. Fünf furios aufspielenden Darstellerinnen jagen und juxen in knapp zwei Stunden durch das Textgestrüpp. Zwei der fünf Teile bilden die Ouvertüre mit Körperklage und dem Konstatieren einer unsichtbaren Wand. Das Schneewittchen-Thema Schönheit erledigt Mona Petri als aufgedrehtes Girlie bis der spöttische Jäger (Anja Lechle) es erschießt. Dornröschen hingegen joggt erst mal um die «Dornenmauer», bevor es Ariane Andereggen vorm Formen ihrer wachgeküssten Existenz durch den «göttlichen» Prinzen grausen darf. Bei Jackie O. geht es um das Aufgehen in der Pose, bis der Mensch verschwindet und Ursula Grossenbacher zelebriert diesen Text auf dem Sofa in einer fesselnden Mischung aus Laszivität und Bettlägerigkeit, umringt von vier Marilyns, die an Jackies ach so fleischliche Konkurrentin mahnen. Augenzwinkernd werden Rollenzwänge ausgestellt, Konzentration auf die ironisierte Märchensymbolik ersetzt larmoyante Hasstiraden, lakonisch wird die Zeichenhaftigkeit aller Bühnenmittel betont, und sinnliches Spiel knackt das sperrige Stück, ohne es zu banalisieren..."mehr

 

 

DAS SPIEL VOM FRAGEN von Peter Handke

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"Von wegen "Plateau mittenhinten im hintersten Kontinent, probenhell, leer, still": Die Bühne im Badischen Staatsschauspiel ist bis unters Dach zugerümpelt. Sie gleicht einem vollgepropften Memento-Raum für ausrangierte Mammutrequisiten – ein Flugzeug neben einer antiken Säule, ein Auto neben einer weißen Goethezeit-Riesengipsbüste, ein Dixiklo unter einer venezianischen Gondel. Keine kontemplative Ödnis, statt dessen eine Bühne überquellend voll mit optisch opulentem Hochbedeutungs-Müll.  Die Handke-Gemeinde mag zunächst geschockt sein, doch jetzt kommt's: Regisseur Michael Simon lässt den ganzen grandiosen Kulissen-Plunder nach und nach abräumen. Ein toller Einstieg. Handkes Sprachreinigungs-Poetik wird hier in ein schlüssiges Bild übersetzt – die totale Bühnenentrümpelung. Bis nichts mehr übrig bleibt, nur eine riesige leere blaue Fläche"... mehr auf Nachtkritik.de